Big Brother bei Zeitungsabos?
- Anja M. Neubauer
- Abmahnung, Alltagswahnsinn, Amüsantes, aus dem Inland, Datenschutz, Datenschutzrecht, Deutschland
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Alle Welt regt sich über Facebook auf, dass da die Chatprotokolle gespeichert werden, obwohl man sie gelöscht hat... ja, ist nicht so schön. Aber dass Zeitungsverlage und deren Marketingagenturen Big Brother in der Privatshäre spielen, war mir auch neu - wobei ich Letzteres sogar noch schlimmer finde, als Facebook. Denn Facebook ist nicht zwei Meter direkt vor der Fußmatte....
Jetzt ist es schon so, dass ich nicht einmal bei Payback mitmache, da ich diese Datensammelei für "ein paar Rabattpunkte" einfach nicht einsehe, ich nehme nicht an Gewinnspielen teil, kurzum ich bin da recht datensparsam. Was aber nun kam, ging mir dann doch "ein wenig" sehr viel zu weit.
Eine Bank schrieb gute Kunden als Dankeschön an, dass man eine recht bekannte Wirtschaftszeitung für ein halbes Jahr im Abonnement erhalten sollte. Kein Pferdefuß, kein Haken dahingehend, dass sich "das Abo nach einem halben Jahr verlängert" oder Ähnliches, nein, nach einem halben Jahr ist alles auch ohne Abmeldung dann automatisch vorbei. Nett, dachte ich! Gut, die Zeitung kenne ich, lese sie aber nur, wenn z.B. bei den Bordmagazinen die Hauspostille, die FAZ und die Financial Times schon vergriffen sind. Aber ich dachte, es wäre doch nett, die Zeitung mal probezulesen.
Machen wir uns nichts vor: Dass am Ende eine Marketingagentur eventuell(!) einen Fragebogen schicken könnte und fragt "wie fanden Sie die Zeitung", hätte ich im Rahmen einer Kundenpflege auch verstanden.Was aber nun kam, habe ich so noch nicht erlebt:
Nun war ich einige wenige Tage unterwegs, hatte sogar den Nachbarn gesagt, dass sie sich dann, wenn ich einmal nicht da sein sollte, sich meine Zeitungen immer nehmen dürfen. Ich komme zurück und erhalte eine Mail der Marketingagentur der Zeitung:
Zitat im ORIGINAL:
"Sehr geehrte Frau Neubauer, wir wurden vom Verlag informiert, dass die Zeitschrift momentan von Ihnen nicht entgegengenommen werden (im Treppenhaus liegen momentan etliche Ausgaben). Der Verlag hat die Belieferung nun vorläufig eingestellt. Bitte teilen Sie mir mit ob wir die Belieferung erneut veranlassen sollen. Mit freundlichem Gruß"Mal davon abgesehen, dass keine einzige Zeitung im Treppenhaus lag, stieg erst mal der Puls auf 180! Was fällt denen denn ein? Die Mail zurück, in Kopie an besagten Verlag - gleichfalls an den Landesdatenschutzbeauftragten, den das mit Sicherheit auch interessiert ;-) (ja, ich bin böse!)- fiel nicht absonderlich freundlich aus, habe erst mal um Aufklärung gebeten, inwieweit man sich "seitens des Verlages auch um die Altpapiertonne kümmern würde, ob die Zeitschrift auch wirklich gelesen worden sei, für den Fall, dass keine Zeitung im Flur liegen würde." Im Ernst, die Antwort fiel auch im Wortlaut in etwa so aus, beinhaltete aber auch noch eine strafbewerte Unterlassungserklärung inklusive Auskunft und Verpflichtung zur Vernichtung unter Benennung sämtlicher einschlägiger Vorschriften des BDSG, denn so geht es nun auch nicht. Wenn man ein Abo bestellt, dann muss man zwangsläufig sein Einverständnis geben, dass zum Zwecke des Versandes auch die persönlichen Kontaktdaten verarbeitet werden - sonst wäre ja die Auslieferung nicht möglich. Aber dass der Verlag überprüft, ob und wenn ja wie viele Zeitungen im Hausflur liegen, ist nicht nur frech, sondern, wenn diese Daten auch noch gesammelt und an eine Agentur als Dritten weitergegeben werden, der dann bestimmt, ob eine Auslieferung erfolgt, ist das nicht zulässig. ICH bestimme immer noch, welche Daten über mich gesammelt werden - auch die Daten, die auf meine Person bezogen über AN- und ABWESENHEIT gesammelt werden.Und auch insbesondere dann auch noch weitergegeben werden an eine Agentur, die darüber auch noch ein Profil erstellt und die Belieferung - möglichst noch nach Benennung eines Grundes, warum - dann koodiniert. Nein, SO haben wir nicht gewettet und dafür habe ich KEIN Einverständnis erteilt. Ich bin mal gespannt, wie sich die Marketingagentur als auch das Verlagshaus in der gleichfalls per Mail angeforderten Stellungnahme dazu äußern werden. In der "Datenschutzerklärung" in den "Bestellbedingungen" hieß es damals (ja, ich drucke sowas als PDF zu Beweiszwecken für den Fall "etwaiger Missverständnisse" immer aus!):
"Datenschutz/Recht Die personenbezogenen Daten des Bestellers werden von xxx und xxx ausschließlich zur Belieferung der Zeitschriften verwendet und danach vernichtet. Diese Nutzung erfolgt unter Beachtung der gesetzlichen Regelungen zum Datenschutz, insbesondere des Bundesdatenschutzgesetzes."Tja, leider gehören dazu aber keine Informationen über die An-oder/und Abwesenheit des Bestellers. Auch nicht, ob, wann und wie ich mit der Zeitung selbst umgehe - ob ich sie an Nachbarn verschenke, im Treppenhaus liegen lasse, oder als Unterlage zum Gemüseputzen verwende. DAS sind Informationen, die mit der Belieferung selbst in keinem Zusammenhang stehen. Und für alles Andere habe ich kein Einverständnis erteilt. Punkt. Mich gruselt es bei dem Gedanken, dass Leute im Hausflur die Zeitungen nachschnüffeln, ob der Nachbar seinen Kölner Stadtanzeiger gelesen hat, die Nachbarin die Financial Times und wieviele der "die lese ich nicht mal im Flieger"-Zeitung die Frau Neubauer hier hat liegen lassen.... und dieses "Verhalten" dann an Dritte weitergeben. UNFASSBAR! Im Flieger werde ich demnächst auch einen Bogen um die Zeitung machen.. nicht, dass einer nachher an der Gangway steht und fragt "warum haben Sie DIESE Zeitung nicht zuerst gelesen? Das CCTV im Flieger hat Sie verraten...." Ich komme mir vor, wie bei Big Brother!